• Judith Böttger

Wie steht es um Digitale Kompetenzen in Deutschland?

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der RWI-Studie 2022


Wie steht es eigentlich um Digitale Bildung in Deutschland? Je nachdem, wen man fragt, werden die Antworten wahrscheinlich “Es geht voran, aber schleppend.”, “Schwierig” oder “Es macht mir total Spaß, mich fortzubilden.” lauten.

Um aus dem subjektiven Einzelfall herauszuzoomen und ein verlässlicheres, großes Bild zu bekommen, hat das Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) die im Rahmen des Nationalen Bildungspanels (NEPS) erhobenen Daten ausgewertet und die Ergebnisse kürzlich in einem Diskussionspapier veröffentlicht. Hier eine Zusammenfassung:


Grundannahme

Die Untersuchung des RWI geht von der Annahme aus, dass aufgrund unserer sich durch den technologischen Fortschritt wandelnden Gesellschaft digitale Kompetenzen oder Digital Literacy in allen Altersgruppen unerlässlich ist. Besonders in den letzten zwei Jahren wurde im Zuge der Corona-Pandemie jedoch ein übergreifender Mangel an eben diesen Kompetenzen sichtbar, sowohl bei Kindern wie auch bei Heranwachsenden und Erwachsenen.

Forschungsdesign

Im Rahmen des Nationalen Bildungspanels (NEPS) wurden in den 2010er Jahren die digitalen Kompetenzen von insgesamt ca. 40.000 Personen erhoben. Die befragten Personen wurden in fünf verschiedenen Alterskohorten (6. Klasse, 9. Klasse, 12. Klasse, Erstsemester im Hochschulstudium und Erwachsene von 25-65 Jahren eingeteilt und mit jeweils für ihre Altersgruppe entwickelten Multiple-Choice-Fragebögen getestet. Die Fragen waren komplexer Natur und haben unter anderem auch Screenshots von medialen Nutzeroberflächen mit einbezogen. NEPS ist nicht die erste Studie zu diesem Thema (bekannt ist unter anderem ICILS aus den Jahren 2013 und 2018), jedoch wurden diese mit anderen Forschungsschwerpunkten ausgewertet. Während es bei anderen Studien beispielsweise um den internationalen Vergleich geht, ist das Nationale Bildungspanel “die einzige langfristig angelegte Mehrkohorten-Studie, welche die digitalen Kompetenzen von in Deutschland lebenden Personen erfasst.” (S. 13).


Der Begriff Digitale Kompetenz oder auch Digital Literacy wurde seit 1997 verschieden definiert. Häufig wird diese jedoch an sogenannten Prozesskomponenten (access, manage, evaluate, create) ausgemacht, die auch für das Nationale Bildungspanel als Kategorien dienten.


Der persönliche Hintergrund beeinflusst die digitalen Kompetenzen

Die Studienergebnisse des RWI zeigen, dass es keine digitale Kompetenz (z.B. create) gibt, die innerhalb einer bestimmten Bevölkerungsgruppe signifikant stärker ausgeprägt ist als eine andere (z.B. access). Allerdings ist deutlich zu erkennen, dass manche Personengruppen digitale Kompetenzen per se eher über- beziehungsweise unterdurchschnittlich stark entwickeln als andere.

Grundlegend lässt sich zusammenfassen, dass besonders ältere sowie weniger gebildete Menschen ebenso wie Menschen mit Einwanderungsgeschichte weniger ausgeprägte Medienkompetenzen haben. Des Weiteren schneiden auch Frauen im Vergleich zu Männern schlechter ab. Außerdem wurde herausgefunden, dass auch der Bildungshintergrund sowie das Arbeitsverhältnis der Eltern einen Einfluss auf die Digitalkompetenzen haben.

Gehen digitale Kompetenzen mit dem Alter verloren?

Jüngere Erwachsene weisen häufig höhere digitale Kompetenzen auf als ältere. Es ist einerseits möglich, dass bei den älteren Personen die Kompetenzen nie aufgebaut wurden oder durch Nicht- oder Wenignutzung wieder abgebaut wurden. Im Diskussionspapier heißt es: “Kompetenzen entwickeln sich im Rahmen von Lernprozessen und bauen sich daher für gewöhnlich über die Zeit auf. Werden Kompetenzen jedoch nicht verwendet, kann es mit steigendem Alter auch zu einem Kompetenzabbau kommen.”(S. 20) Auch in den Kohorten der Schüler:innen lässt sich ein geringfügiger Unterschied zugunsten der jeweils jüngeren ausmachen.

Der Digital Divide öffnet sich zwischen Frauen und Männern immer stärker

Nicht in allen Alterskohorten sind signifikante Kompetenzunterschiede zwischen den biologischen Geschlechtern erkennbar. Gerade bei den jüngeren Schüler:innen schneiden Jungen und Mädchen ungefähr gleich ab. Doch ungefähr ab dem Ende der Sekundarstufe I öffnet sich die Schere des sogenannten Digital Divide. Während Frauen unter 35 Jahren circa 4,4 Prozentpunkte hinter den gleichaltrigen Männern liegen, sind es im Alter von 36 bis 50 Jahren bereits 6,1 und im Alter von 51 bis 65 Jahren sogar 7,5 Prozentpunkte. Die Autoren halten diesen Umstand besonders mit Perspektive auf die Unterrepräsentation von Frauen in MINT-Berufen für fatal.

Große Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte

Auffällig ist, dass Befragte mit familiärer Einwanderungsgeschichte (präziser: Befragte:r oder mindestens ein Elternteil ist nicht in Deutschland geboren) in allen Alterskohorten schlechtere Ergebnisse erreichten als Befragte ohne Einwanderungsgeschichte. Ähnlich wie beim Unterschied zwischen den Geschlechtern wächst hier die Diskrepanz auch mit steigendem Alter: In der 6. Klasse liegt sie noch bei ca. 4 Prozentpunkten, in den Klassen 9 und 12 bereits bei 7 beziehungsweise 8 und im Erwachsenenalter dann bei circa 12 Prozentpunkten.

Mehr Bildung, mehr Digitalkompetenz?

Die digitalen Kompetenzen korrelieren außerdem mit der Anzahl der absolvierten Bildungsjahre, wobei hierzu in der Studie explizit die Schul- und Hochschulbildung zählt. Je höher der Bildungsabschluss ist, desto höher sind auch die digitalen Kompetenzen.

Eine Überlegung unsererseits: Wenn sich dieser Zusammenhang auch andersherum lesen lässt, könnte das bedeuten, dass durch den Erwerb digitaler Kompetenzen tatsächlich die Bildungschancen verbessert werden. Das erfüllt den Kern unserer Arbeit als Pacemaker Initiative.

Arbeitslosigkeit von Eltern wirkt sich auf die Digitalkompetenz ihrer Kinder aus

Spannend ist, dass auch die Erwerbstätigkeit von Eltern sich auf die Digitalkompetenz ihrer Kinder auswirkt. So erreichen Schulkinder arbeitsloser Eltern durchschnittlich 6 bis 9 Prozentpunkte weniger als die Kinder, deren Eltern erwerbstätig sind. Besonders in den Klassen 6 und 9 erweist sich der Beruf der Mutter bedeutsam für die Entwicklung der Digital Literacy. Arbeitet mindestens ein Elternteil in einem MINT-Beruf, wirkt auch das sich positiv auf Jugendliche aus. Bei Studierenden und Erwachsenen ist die Berufstätigkeit der Eltern weniger ausschlaggebend.

Digital Literacy korreliert mit anderen Kompetenzen

Nicht außer Acht gelassen werden sollte die Korrelation zwischen Digital Literacy und andere Kompetenzen. In allen Altersstufen gibt es eine 30- bis 70-prozentige Übereinstimmung mit naturwissenschaftlichen, mathematischen und sprachlichen Kompetenzen. Ein Mangel an digitalen Kompetenzen erklärt sich jedoch nicht allein durch fehlende Sprach- oder Rechenkenntnisse. Vielmehr scheinen Kompetenzen in ihrer Gesamtheit stark zusammenzuhängen.

Und jetzt?

Die Ergebnisse zeigen, dass viele Menschen in Deutschland noch Aufholbedarf im Bereich der Digital Literacy haben. Doch so erschreckend das Ergebnis der Studie an einigen Stellen sein mag, gibt es auch Grund zur Hoffnung: Wenn sich der Digital Divide erst mit steigendem Alter so signifikant vergrößert, kann man ihm auch entgegenwirken. So steht die Forderung im Raum, dass gerade der formale Bildungsbereich frühzeitig, also spätestens mit der Sekundarstufe I, beginnen sollte, Digitalkompetenzen als Bildungsziel anzustreben und in seinen Curricula zu verankern, um potenzielle Defizite zu kompensieren. Für Erwachsene müssen geeignete Weiterbildungsformate entwickelt werden, um in einer sich stetig wandelnden Welt erfolgreich sein zu können.


Die Autoren des Diskussionspapiers betonen die Wichtigkeit dieser Maßnahmen aus einer wirtschaftswissenschaftlichen Perspektive: Dem Fachkräftemangel soll entgegengewirkt und so die Deutsche Wettbewerbsfähigkeit gesichert werden. Für uns als Pacemaker Initiative liegt vielmehr die Bildungsgerechtigkeit als Ziel im Vordergrund. Denn digitale Souveränität und Mündigkeit sind Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe, die wir gerne allen Kindern und Jugendlichen an die Hand geben möchten.

Literatur:

Bachmann et al: Diskussionspapier. Digitale Kompetenzen in Deutschland – eine Bestandsaufnahme, In: RWI: Materialien, Heft 150, Essen (2021)

https://www.rwi-essen.de/media/content/pages/publikationen/rwi-materialien/rwi-materialien_150.pdf

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