• Judith Böttger

“Schule zukunftsfähig machen” - Cornelsen Schulleitungsstudie 2022


Fast jeder hat eine ungefähre Vorstellung davon, was die Aufgaben von Lehrkräften sind. Immerhin war man im Regelfall selbst einmal Schüler:in. Doch was machen Schulleitungen – und anders gefragt: Was würden sie eigentlich gerne machen? Die kürzlich erschienene Schulleitungsstudie von Cornelsen gibt darüber Aufschluss. Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:


In Deutschland sind in den letzten Jahren einige Schulleitungsstudien wie etwa die HiS-Herausforderungen in Schule oder die COVID-19 Health Literacy Schulleitungsstudie erschienen. Die vorliegende Studie ergänzt und bereichert das Feld durch ihr besonderes Forschungsdesign.


Forschungsdesign

Die Daten wurden sowohl mit qualitativen als auch mit quantitativen Methoden erhoben. In einem ersten Schritt wurden leitfadengestützte Interviews mit 50 Schulleitungen aus allen deutschen Bundesländern und allen Schulformen geführt. Auf den Ergebnissen dieser Interviews aufbauend wurde dann anhand eines strukturierten Fragebogens eine repräsentative Online-Umfrage mit 1116 Schulleitungen durchgeführt.


Aufbau

Die Studie gliedert sich in fünf thematische Schwerpunkte. Im ersten Kapitel werden Schulleitungen als Protagonist:innen vorgestellt. Wer wird eigentlich wie Schulleitung? Welche Inhalte und Fragestellungen bestimmen ihren Arbeitsalltag?

Im zweiten Kapitel wird das Verhältnis von Schulleitungen und der Öffentlichkeit bzw. der Bildungspolitik näher beleuchtet. Auf wessen Kooperation sind sie angewiesen? Wo entstehen Konflikte?

Das dritte Kapitel nimmt das "Bühnenbild Schule" als den Arbeits- und Handlungsort von Schulleitungen unter die Lupe. Was ist die Funktion einer Schule? Wie kann diese sinnvoll gestaltet werden?

Das Kapitel vier widmet sich konkreten Praxiserfahrungen der Schulentwicklung. Was verändert sich aktuell in Gebäuden, Kollegien und Unterrichtsgestaltung?

Abschließend wird im fünften Kapitel der Blick in die Zukunft gerichtet. Was sind Ideen und Visionen für zukunftsfähige Schule und wie kommen wir dahin?


Kernaussagen


"Sollen Schulleitungen Lernräume öffnen und die Bildungsinstitution Schule pädagogisch gestalten, dann müssen ihnen auch die notwendigen Strukturen und Ressourcen dafür zur Verfügung gestellt werden." (S.3)


Der Wunsch nach mehr Gestaltungsfreiheit

Bereits zu Beginn der Studie wird deutlich, dass Schulleitungen einerseits ihr Team koordinieren und führen, andererseits aber auch entscheidende Gestalter:innen für das Wesen einer Schule sind. Als Brückenbauer zwischen allen Akteur:innen des Systems Schule wünschen sie sich mehr Autonomie und Gestaltungsfreiheit.


Die Ressourcen fehlen

Um diese Gestaltungsfreiheit wirklich leben zu können, wünschen sich Schulleitungen mehr zeitliche, finanzielle und personelle Ressourcen, die durch die Politik bereitgestellt werden sollen. Aktuell empfindet ein Großteil der Schulleitungen Unzufriedenheit (72 %), denn für die Schulentwicklung bleibt ihnen kaum Zeit. Bürokratie und Administration kosten 54 Prozent der Befragten mehr als 10 Wochenstunden. Dabei sind sich die Schulleitungen einig, dass ihr Fokus viel mehr auf Strategie- und Unterrichtsentwicklung liegen sollte, wofür ihnen durchschnittlich jedoch nur 3 Stunden pro Woche zur Verfügung stehen.


Digitale Infrastruktur und Ausstattung sind aktuell Thema Nr. 1

Natürlich hat jede Schulform ihre eigenen Herausforderungen, doch die Studie macht schnell deutlich, dass manche Themen fast alle beschäftigen: An erster Stelle (67 %) steht die digitale Ausstattung der Schulen, darauf folgen bauliche Themen wie Sanierungen, Um- oder Neubauten (62 %). Die Digitalisierung des Unterrichts (58 %) und die Gewinnung von neuem Lehrpersonal (54 %) ist ebenso von Bedeutung. Diese Themen gehören für Schulleitungen zusammen: Eine fortschreitende Digitalisierung ohne entsprechende Fortbildungen und personelle Verstärkung wird nicht die positiven Veränderungen hervorrufen, die sie verspricht.


Schule soll lebensnah und gerecht werden

Über die Hälfte der befragten Schulleitungen wollen sich in Zukunft stärker mit der Veränderung der Lernkultur beschäftigen. Ein überragend großer Teil (92%) sieht Schule in der Pflicht, einen reflektierten Umgang mit Digitalität zu vermitteln, Demokratie zu lehren und zu leben (88%) und Chancengerechtigkeit zu ermöglichen (97%).

Schulleitungen wünschen sich, das Leben aktiv in die Schule zu holen und in den Sozialraum hineinzuwirken. Schule ist für sie nicht nur ein Ort des fachlichen Lernens, sondern auch des sozialen und beruflichen Lernens. Dazu braucht es innovative, flexible und offene Lernräume.


Die Zukunft ist multiprofessionell

Damit all das gelingt und Innovation gefördert werden kann, braucht es laut der befragten Schulleitungen eine veränderte Lehr- und Lernkultur, die Unterrichtsinhalte stärker inhaltlich und fächerübergreifend verflechtet. 82 Prozent wünschen sich, dass der Fächerkanon verändert wird. Jede zweite Schulleitung (51%) nennt projektorientiertes Arbeiten als Zielmodell, circa ein Viertel (28%) würde eine fächerübergreifende Konzeption ausreichen, ein Fünftel steht dem interessengeleiteten Lernen offen gegenüber.


Auch Lehrende müssen dazulernen

Die befragten Schulleitungen (72 %) wünschen sich, dass ihr Lehrkollegium regelmäßig fort- und weitergebildet wird, damit der Lernerfolg ihrer Schüler:innen gesichert werden kann. Auch die Schulleitungen selbst würden gerne regelmäßig fortgebildet werden (96 %), um neue Inspirationen für die Schulentwicklung zu bekommen und ihrer Rolle rundum gerecht zu werden.


“Schulleitungen sehen die Schule der Zukunft als eine Schule mit flexiblen räumlichen, zeitlichen und pädagogischen Konzepten für experimentelles, lebensnahes Lernen, eine im Sozialraum verankerte lokale Bildungslandschaft.” (S. 9)



Literatur:

FiBS Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie: “Schule zukunftsfähig machen”. Cornelsen Schulleitungsstudie 2022, Berlin (2022) https://www.cornelsen.de/schulleitungsstudie/download